EUROPA MUSIC Nr. 38 · Herbstausgabe · 1,80 DM

STANDSTREIFEN

Fünf vom Standstreifen: Die leiseste Band der Republik ist die lauteste in der Pfalz

Von links: Bine, Britta, Andreas, Holger, Thomas. Fotografiert im Herbst, vor der gelben Wand im Studio.
Britta
Holger
Bine
Andreas
Thomas
Kassette im Gerät A Mittelstreifen STANDSTREIFEN C60 · 3:11

Kassettenhalter

Kassette antippen: Sie kommt ins Gerät und läuft. Danach geht es von selbst mit der nächsten weiter.

Reportage

Zu Besuch im Proberaum unter der Brücke

Hier entstehen die Lieder: ein Betonkeller unter der Autobahn bei Frankenthal. Der Holztisch mit dem selbstgebauten Synthesizer gehört Andreas.

Wer STANDSTREIFEN besuchen will, braucht eine gute Taschenlampe und keine Angst vor Lastwagen. Der Proberaum liegt unter einer Autobahnbrücke bei Frankenthal, zwischen zwei Pfeilern, hinter einer grauen Stahltür, die das Straßenbauamt der Band für eine Mark im Monat überlassen hat. Über uns rollt die A 6. Man hört sie nicht, man spürt sie: Bei jedem Sattelzug zittert die Glühbirne.

„Das ist unser Metronom“, sagt Holger Bethge, 24, Sänger und von Beruf Vermessungstechniker. Er meint das ernst. Holger meint fast alles ernst. Er zeigt uns die Eierkartons an der Wand, die Bine aufgehängt hat, und erklärt, dass sie den Hall um ungefähr ein Drittel verkürzen. Er hat es nachgemessen.

Bine, eigentlich Sabina De Luca, 20, kommt an diesem Abend mit dem Bus aus der Mannheimer Neckarstadt, über die Rheinbrücke und dann noch zwanzig Minuten zu Fuß. Ihre Sticks trägt sie in der Parkatasche. Angefangen hat sie mit der Marschtrommel in der Banda ihrer Gemeinde. „Prozession im Juni, dreißig Grad, ich mit der Trommel vorneweg. Danach war alles andere leicht.“ Neben ihrem Schlagzeug stehen zwei sechseckige elektronische Trommeln. Sie klingen wie ein Tropfen in einem Eimer, nur lauter.

Den Rest des Raumes beherrscht Andreas Lohmeier, 23, Elektrotechnikstudent aus Darmstadt. Sein Synthesizer hat Holzwangen, über hundert Knöpfe und keinen Namen. „Den gibt es nicht zu kaufen“, sagt er. „Den gibt es nur einmal.“ Die Lieder schreibt er auf Millimeterpapier, jede Spur eine Farbe.

Britta Kantner, 21, sitzt auf einem Bierkasten und liest ihre Texte vom Block. Sie singt, als würde sie einen Brief vorlesen, den sie nicht abschicken wird. „Ich schreibe nur, was ich auch an der Tankstelle sagen würde“, sagt sie. Dann singt sie „Kassette im Handschuhfach“, und es wird sehr still unter der Brücke.

Thomas Kehl, 22, steht mit dem Bass etwas abseits und spielt. Wenn sich die anderen verheddern, ist er es, der den Ton hält, an dem sich alle wiederfinden. Zwischen zwei Stücken richtet er Bines Hi-Hat-Ständer, mit einem Schlüssel, den er immer in der Jackentasche trägt. Was ihm an der Band wichtig ist? Er überlegt eine Weile, dann sagt er: „Dass keiner lauter sein muss als die anderen.“

Um elf schließt Holger die Stahltür ab, zweimal. Oben fährt die Nachtschicht. Unten bleibt der Geruch von warmem Lötzinn.

Zum Ausschneiden

Steckbriefe

Fan-Post

Ihr fragt, STANDSTREIFEN antwortet

Liebe Britta, woher hast du dein Sakko? Ich suche überall so eins.

Sandra, 15, Worms

Britta: Vom Flohmarkt am Rhein in Mainz. Es hat einem Herrn gehört, der größer war als ich. Die Ärmel sind zu lang, deshalb schiebe ich sie hoch. Mehr Geheimnis ist nicht.

Holger, warum singst du nicht richtig, sondern redest immer nur?

Michael, 16, Speyer

Holger: Ich spreche deutlich. Das reicht für die meisten Anlässe. Bei „Leitbake“ singt das Gerät für mich, das kann es besser.

Bine, ist Schlagzeug nicht eher was für Jungs?

Petra, 14, Viernheim

Bine: Sag des mal meim Bruder. Der hat's probiert und nach zwei Woche aufgehört. Komm ins Jugendzentrum Neckarstadt, ich zeig dir, wie man die Stöcke hält.

Andreas, kann man so einen Synthesizer selbst bauen? Ich habe einen Lötkolben.

Jürgen, 17, Bensheim

Andreas: Ja. Du brauchst noch Geduld und Millimeterpapier. Fang mit einem Oszillator an. Mit einem klingt es nach Fön, ab zwei nach Musik.

Thomas, wie bist du zum Bass gekommen?

Stefan, 16, Lampertheim

Thomas: Mein Onkel hatte einen im Keller stehen, ohne Saiten. Ich habe ihn wieder hergerichtet. Am Bass mag ich, dass man ihn mehr spürt als hört.

Unterwegs

Auf Tournee, diesen Winter

TagOrtHalle
Fr 14. 1.MainzJugendhaus in der Altstadt
Sa 15. 1.KaiserslauternJugendzentrum am Bahnhof
Fr 28. 1.MannheimJugendzentrum Neckarstadt Heimspiel für Bine
Sa 5. 2.DarmstadtKeller im Studentenwohnheim
Sa 19. 2.FrankenthalStadthalle
Fr 4. 3.LudwigshafenJugendfreizeitheim

Eintritt 6 DM, an der Abendkasse 7 DM. Der Bandbus parkt auf dem Standstreifen. Nur Spaß.